Stielstich sticken: gleichmäßige Linien und weiche Kurven

Hände sticken mit terrakottafarbenem Garn eine geschwungene Stielstichlinie auf Leinen im Holzrahmen

Ein Stielstich sieht aus wie eine feine, gedrehte Kordel, die jemand auf den Stoff gelegt hat.

Der Trick dahinter ist schlicht: Jeder neue Stich beginnt in der Mitte des vorherigen, und der Arbeitsfaden bleibt dabei immer auf derselben Seite.

Genau an diesen zwei Punkten entscheidet sich, ob deine Linie ruhig läuft oder wackelt.

Wenn du den Rückstich schon Schritt für Schritt geübt hast, bringst du das Wichtigste mit: gleich lange Stiche.

Der Stielstich folgt Rundungen aber deutlich weicher, deshalb steht er in der Lernreihenfolge für Stick-Anfängerinnen direkt danach.

In manchen älteren Büchern heißt er Stengelstich, gemeint ist derselbe Stich.

Bevor die Nadel das erste Mal durchgeht

  • Der Stoff sitzt straff im Rahmen: mittelfeste Baumwolle oder Leinen ohne Stretch. Warum gerade diese beiden, steht in der Übersicht, welcher Stoff sich zum Sticken eignet.
  • Sticktwist liegt bereit, davon zwei bis drei der sechs Einzelfäden. Perlgarn Nr. 8 geht auch und ergibt eine besonders runde Kordel, mehr zu den Unterschieden im Vergleich der Stickgarne.
  • Eine spitze Sticknadel mit langem Öhr, Größe 7 passt zu zwei bis drei Fäden. Was sonst noch auf den Tisch gehört, findest du bei den Dingen, die du zum Sticken wirklich brauchst.
  • Der Faden ist 40 bis 50 Zentimeter lang, nicht länger.
  • Die Linie ist vorgezeichnet, und du drehst den Rahmen so, dass du von links nach rechts stickst. Als Linkshänderin arbeitest du spiegelverkehrt von rechts nach links.
  • Du hast entschieden, auf welcher Seite der Faden liegt. In dieser Anleitung liegt er unterhalb der Linie.

Stich für Stich zur Kordel

Für gerade Strecken ist eine Stichlänge von drei bis vier Millimetern ein guter Start.

Die Zahlen in den Zeichnungen zeigen die Reihenfolge: gefüllte Kreise heißen, die Nadel kommt von hinten hoch, leere Kreise heißen, sie sticht nach hinten ein.

  1. Setz einen Knoten auf die Vorderseite, etwa fünf Zentimeter voraus auf der Linie. Komm am Linienanfang bei 1 von hinten hoch. Die ersten Stiche fangen das Fadenende auf der Rückseite ein, danach schneidest du den Knoten einfach ab.
  2. Stich eine Stichlänge weiter bei 2 ein. Zieh nur so weit an, dass der Stich flach aufliegt.
  3. Leg den Faden nach unten und komm bei 3 hoch, genau in der Mitte zwischen 1 und 2, direkt an der Unterkante des Stichs. Stich dabei nicht durch den Faden selbst, das wäre ein Spaltstich.
    Zeichnung Stielstich: erster Stich von 1 nach 2, Ausstich 3 in der Mitte, Faden liegt unten
    Punkt 3 liegt genau auf halber Strecke, der Faden hängt nach unten.
  4. Zieh den Faden durch und stich bei 4 ein, eine halbe Stichlänge hinter 2. Halt den Faden dabei mit dem Daumen unterhalb der Linie fest, bis der Stich sitzt.
    Zeichnung Stielstich: von 3 aus führt der nächste Stich zu Punkt 4 hinter Punkt 2
    Der zweite Stich ist genauso lang wie der erste, nur um eine halbe Länge versetzt.
  5. Komm bei 5 hoch, und zwar im selben Loch wie 2. Das ist wieder genau die Mitte des Stichs, den du gerade gemacht hast. Stich bei 6 ein, eine halbe Stichlänge hinter 4.
    Zeichnung Stielstich: Ausstich 5 im Loch von Punkt 2, nächster Stich führt zu Punkt 6
    Ab hier wiederholt sich die Bewegung: hoch im alten Loch, eine halbe Länge voraus wieder hinein.
  6. Arbeite so weiter, bis du kurz vor dem Linienende bist. Der letzte Stich darf halb so lang sein und endet genau am Ende der Linie.
  7. Dreh den Rahmen um, zieh den Faden auf der Rückseite unter drei, vier Stichen durch und schneid ihn ab.

Im straff gespannten Rahmen stichst du in zwei Bewegungen, also erst ganz durch nach hinten, dann von hinten wieder hoch.

So landet die Nadel genau dort, wo du sie haben willst, und der Stoff verzieht sich nicht.

Oben oder unten: Wo der Faden hingehört

Die Seite, auf der dein Faden liegt, bestimmt, in welche Richtung sich die Kordel dreht.

Liegt er unten, drehen sich die Stiche in die eine Richtung, liegt er oben, in die andere.

Beides ist richtig, und beides sieht gut aus.

Schwierig wird es nur, wenn du mitten in der Linie wechselst.

Dann kippt die Drehung, und an dieser Stelle entsteht ein sichtbarer Knick, als hätte jemand die Kordel geknotet.

Das passiert erstaunlich oft beim Drehen des Rahmens oder nach einer Pause, weil der Faden dann einfach auf die andere Seite fällt.

Schau vor jedem Ausstich kurz nach, wo der Faden liegt, besonders nachdem du den Rahmen gedreht oder neu eingefädelt hast.

Eine Sekunde Kontrolle spart dir das Auftrennen einer halben Linie.

Kurven, Spiralen und Ecken

In Bögen spielt der Stielstich seine Stärke aus, solange du zwei Dinge beachtest: kürzere Stiche und den Faden auf der Außenseite der Kurve.

Außen liegend zieht der Faden die Stiche sanft in den Bogen hinein.

Innen liegend drückt er sie nach außen, und die Linie wird eckig.

LinieStichlängeWarum
Gerade oder fast gerade3–5 mmLängere Stiche zeigen die Kordel deutlicher.
Sanfter Bogen, z. B. ein Stieletwa 3 mmDie Stiche folgen der Rundung, ohne Kanten zu bilden.
Enge Kurve, Spirale, kleine Schrift1,5–2 mmNur kurze Stiche schaffen den engen Radius.
Zeichnung Stielstich im Bogen: kurze Stiche, der Arbeitsfaden liegt auf der Außenseite der Kurve
Im Bogen liegt der Faden außen, die Stiche werden kürzer.

Bei einer Spirale bleibt die Außenseite immer dieselbe, das ist angenehm.

Bei einer S-Kurve dagegen wechselt sie am Wendepunkt.

Hier hast du die Wahl: Lass den Faden durchgehend auf einer Seite, dann bleibt die Drehung einheitlich, und der zweite Bogen wird mit kurzen Stichen trotzdem sauber.

Oder wechsle genau am Wendepunkt die Seite, wo der kleine Knick in der Krümmung kaum auffällt.

Spitze Ecken kann der Stielstich nicht.

Beende die Linie genau in der Ecke und beginne eine neue im selben Loch, mit der Stichrichtung entlang der neuen Kante.

So bleibt die Spitze scharf.

Von der Haarlinie bis zur dicken Kordel

Mit einem einzigen Faden Sticktwist und Stichen von zwei Millimetern entstehen hauchfeine Linien für Gräser, Wimpern oder Schriftzüge.

Mit sechs Fäden oder Perlgarn Nr. 5 wird daraus eine kräftige Kordel, die auch auf einem Kissenbezug noch auf Abstand wirkt.

Die Breite steuerst du außerdem über den Winkel.

Stichst du nicht genau auf der Linie ein und aus, sondern leicht schräg darüber und darunter, wird die Kordel breiter und die Drehung deutlicher.

Wichtig ist nur, dass der Winkel über die ganze Linie gleich bleibt.

Setzt du mehrere Stielstichreihen dicht nebeneinander, füllen sie sogar eine Fläche.

Das wirkt lebendiger als glatter Plattstich und eignet sich gut für schmale Blätter, Stängel und Zweige in Blumen- und Pflanzenmotiven.

Arbeite dabei alle Reihen in dieselbe Richtung, sonst entsteht ein Fischgrätmuster.

Für eine glattere Linie mit zweiter Farbe kannst du den fertigen Stielstich umwickeln: Ein zweiter Faden schlängelt sich unter jedem Stich hindurch, ohne in den Stoff zu stechen.

Nimm dafür eine stumpfe Nadel, damit du die Stiche nicht aufspießt.

Brauchst du dagegen eine richtig breite, plakative Linie, ist der Kettenstich die bessere Wahl, und andere Linienstiche findest du in der Übersicht über 22 Stickstiche.

Wenn die Linie nicht nach Kordel aussieht

Warum sieht meine Linie aus wie eine Reihe einzelner Striche?

Dann überlappen sich die Stiche zu wenig.

Meist kommst du zu weit vorne hoch statt in der Mitte des letzten Stichs.

Zähl beim nächsten Versuch bewusst mit: Ausstich immer im Loch des vorletzten Einstichs.

Warum hat die Linie an einzelnen Stellen einen Knick?

Fast immer hat dort der Faden die Seite gewechselt.

Trenn bis zu dieser Stelle auf und stick mit der ursprünglichen Fadenseite weiter, dann verschwindet der Knick.

Warum zieht sich der Stoff entlang der Linie zusammen?

Du ziehst die Stiche zu fest an, oder der Stoff sitzt nicht straff genug im Rahmen.

Spann ihn nach, bis er sich wie eine Trommel anfühlt, und zieh jeden Stich nur so weit an, bis er flach aufliegt.

Wie sollte die Rückseite aussehen?

Wie eine saubere Rückstichlinie: kurze, gleich lange Stiche, die Ende an Ende liegen.

Sind sie unterschiedlich lang, war es auch die Überlappung vorne, und das ist ein guter Hinweis, woran du noch feilen kannst.

Stielstich oder Rückstich für Schrift?

Für kleine Druckbuchstaben unter etwa 1,5 Zentimetern Höhe ist der Rückstich präziser, weil er Ecken sauber nimmt.

Geschwungene Schreibschrift ab dieser Größe wirkt im Stielstich flüssiger und eleganter, mehr Ideen dazu findest du bei den Stickideen mit Schrift und Buchstaben.

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