Konturen sticken: welcher Stich für welchen Umriss

Stickrahmen mit Leinen, darauf ein Blattumriss mit Stiel in feinem, dunkelrotem Stielstich gestickt

Ob eine gestickte Kontur sauber aussieht, entscheidet sich an drei Stellen: in den Rundungen, in den Spitzen und dort, wo zwei Linien aufeinandertreffen.

Auf geraden Strecken wirkt fast jeder Linienstich ordentlich.

Erst an diesen drei Stellen zeigt sich, welcher Stich zu deinem Motiv passt.

Die kurze Antwort: Für Umrisse mit vielen Ecken und kleinen Details nimmst du den Rückstich, für geschwungene Formen den Stielstich.

Soll die Kontur später unter einer Plattstichfläche verschwinden, ist der Spaltstich richtig, und für kräftige Umrisse, die man auch von weitem sieht, der Kettenstich.

Festlegen musst du dich dabei nicht.

In vielen gelungenen Stickereien laufen zwei oder drei Konturstiche nebeneinander, jeder an der Stelle, an der er seine Stärke hat.

Dasselbe Blatt, vier verschiedene Umrisse

Skizze: dieselbe Blattform als Kontur in Rückstich, Stielstich, Spaltstich und Kettenstich
Gleiche Form, ganz verschiedene Wirkung: zart, gedreht, flach oder kräftig.

Der Rückstich legt eine schmale, gleichmäßige Linie aus kurzen Stichen, die Ende an Ende liegen.

Weil jeder Einstich genau dort sitzen kann, wo du ihn haben willst, nimmt er Spitzen und Knicke so scharf, wie du sie gezeichnet hast.

Das macht ihn zur ersten Wahl für Umrisse mit vielen Ecken: Gesichter, Häuser, gezackte Blätter, winzige Details.

Wie du ihn durch Kurven führst, ohne dass aus einem Kreis ein Vieleck wird, steht in der Anleitung für saubere Rückstich-Linien.

Der Stielstich sieht aus wie eine feine Kordel.

In Bögen folgt er der Form weicher als jeder andere Linienstich, an echten Spitzen dagegen muss er absetzen.

Für Blätter, Wellen, Tierrücken und alles, was fließt, ist er für mich die schönere Kontur.

Worauf es bei Fadenseite und Stichlänge ankommt, liest du beim Stielstich in gleichmäßigen Linien.

Der Spaltstich ergibt eine flache, dichte Linie, die kaum aufträgt.

Allein wirkt er ruhiger und unauffälliger als der Stielstich, seine eigentliche Stärke zeigt er aber als Kante unter einer Füllung.

Was die beiden Stiche genau unterscheidet, erkläre ich im Vergleich von Spaltstich und Stielstich.

Der Kettenstich wird bei gleicher Fadenzahl deutlich breiter und plastischer.

Er rahmt ein Motiv so kräftig ein, dass die Kontur selbst zum Gestaltungselement wird, etwa bei großen Buchstaben, Folkloreblumen oder einer Kinderzeichnung, die auf Stoff wandern soll.

Ecken rundet er von sich aus ab; wie du sie trotzdem scharf bekommst, zeigt die Kettenstich-Anleitung mit Zeichnungen.

Daneben gibt es Spezialisten.

Die Anlegetechnik hält dicke Wolle oder eine Kordel mit kleinen Querstichen auf dem Stoff fest und ergibt sehr weiche, breite Umrisse.

Der Vorstich legt eine gestrichelte Kontur, die bewusst locker und skizzenhaft wirkt.

Beide und viele weitere findest du in der Übersicht über 22 Stickstiche.

Drei Fragen an deine Vorzeichnung

Bevor du einfädelst, lohnt sich ein kurzer Blick auf das vorgezeichnete Motiv.

Diese drei Fragen, in dieser Reihenfolge, führen fast immer zum passenden Stich.

  1. Hat die Linie mehr Ecken oder mehr Schwünge? Viele Spitzen, Knicke und gerade Kanten sprechen für den Rückstich, lange, ruhige Bögen für den Stielstich. Hat ein Motiv beides, etwa ein Ahornblatt mit gezacktem Rand und geschwungenem Stiel, teilst du die Kontur auf: den Rand im Rückstich, den Stiel im Stielstich.
  2. Wie klein werden die Details? Bei Formen unter etwa einem Zentimeter, also Augen, Nasenlöchern, Fingern oder kleiner Schrift, wird der Kettenstich zu breit, und auch der Stielstich kommt kaum noch um die engen Bögen. Hier bleibst du beim Rückstich mit ein bis zwei Fäden und Stichen von 1,5 bis 2 Millimetern.
  3. Wird die Fläche innen gefüllt? Wenn ja, redet die Füllung mit. Kommt Plattstich hinein, stickst du die Kante vorher im Spaltstich und deckst sie mit ab. Bleibt die Fläche leer oder wird sie nur locker gefüllt, darf die Kontur selbst sichtbar sein, und es zählen die ersten beiden Fragen.

Kräftig außen, fein innen

Ein Trick aus der Illustration macht viele Stickereien sofort lebendiger: Die äußere Kontur ist kräftiger als die Linien im Inneren.

Die Außenlinie trennt das Motiv vom Stoff, die Innenlinien wie Falten, Fellzeichnung oder Blattadern liefern nur zusätzliche Information und dürfen zurücktreten.

Sind alle Linien gleich dick, sieht das Motiv schnell flach aus, wie eine Seite aus einem Malbuch.

Du steuerst das auf zwei Wegen.

Bleibst du bei einem Stich, nimmst du außen drei Fäden Sticktwist und innen einen bis zwei.

Oder du wählst außen einen breiteren Stich wie Stiel- oder Kettenstich und innen den schmalen Rückstich.

Welche Fadenzahl auf welchem Stoff gut aussieht, steht im Beitrag darüber, wie viele Fäden du zum Sticken nimmst.

So kann das bei einem Fuchskopf im Profil aussehen

Die Außenkontur von der Ohrspitze bis zum Kinn stickst du im Stielstich mit drei Fäden, damit Stirn und Schnauze weich gerundet bleiben.

An der Ohrspitze und an der Schnauzenspitze setzt du ab und beginnst neu, so bleiben beide Spitzen scharf.

Die innere Ohrlinie und die Kante der hellen Wange kommen in den Rückstich mit zwei Fäden.

Für die Schnurrhaare reicht ein einzelner Faden im Rückstich mit Stichen von etwa 2 Millimetern.

Soll eine fertige Rückstich-Kontur nachträglich kräftiger werden, kannst du sie mit einem zweiten Faden umwickeln, ohne in den Stoff zu stechen.

Die Linie wird dadurch runder und etwas breiter, behält aber ihre scharfen Ecken.

Kontur und Füllung: Was zuerst kommt

Sobald ein Motiv gefüllt wird, stellt sich die Frage nach der Reihenfolge.

Beide Wege sind richtig, sie führen nur zu einem anderen Look.

Unsichtbar unter dem Plattstich

Für eine glatte Plattstichfläche mit scharfem Rand stickst du die Kontur zuerst im Spaltstich.

Die Plattstiche kommen dann knapp außerhalb dieser Linie heraus und gehen auf der Gegenseite knapp außerhalb wieder hinein, sie überspannen die Kante also.

Die Spaltstichlinie verschwindet darunter, hebt den Rand aber leicht an und hält ihn gerade.

Wie das im Einzelnen geht, zeigt die Anleitung für den Plattstich ohne Lücken.

Dieselbe Kante nutzt du bei Lang-und-Kurz-Stich, wenn am Ende keine Linie, sondern nur ein weicher Farbverlauf zu sehen sein soll.

Sichtbar auf der Fläche

Stickst du die Kontur erst nach der Füllung, liegt sie obendrauf.

Das kaschiert kleine Unregelmäßigkeiten am Rand der Fläche und gibt dem Motiv einen grafischen, fast gezeichneten Charakter, ähnlich wie bei einer Buchillustration.

Rückstich und Stielstich eignen sich dafür am besten.

Stich dabei genau an der Grenze zwischen Füllung und Stoff ein und aus, nicht mitten in die Fläche, sonst spaltest du die Füllstiche.

Für naturalistische Blüten finde ich die unsichtbare Kante schöner.

Für Tiere mit Charakter, Schriftzüge und alles mit einem Augenzwinkern passt die sichtbare Linie besser.

Welche Farbe die Linie bekommt

Schwarz ist die naheliegende Konturfarbe und wirkt auf hellem Stoff am stärksten.

Genau das ist manchmal zu viel: Eine schwarze Linie um eine zartrosa Blüte erdrückt die Farbe in der Fläche.

Dort wirkt ein dunkler Ton aus derselben Farbfamilie besser, also ein tiefes Weinrot um Rosa oder ein Moosgrün um ein helles Blattgrün.

Die Kontur grenzt dann noch klar ab, gehört aber zum Motiv, statt es einzurahmen.

Schwarz oder sehr dunkles Grau passt, wenn der Look grafisch sein soll: bei reinen Linienmotiven ohne Füllung, bei Schrift oder bei Stickereien, die an Tuschezeichnungen erinnern.

Viele minimalistische Stickereien leben genau davon, dass eine einzige dunkle Linie das ganze Motiv trägt.

Auch beim Blackwork gehört die dunkle Kontur zum Stil; dort fassen Rückstich- oder Holbeinstichlinien die gezählten Muster ein.

Auf dunklem Stoff dreht sich das um.

Eine helle Kontur, etwa Creme auf Dunkelblau, hebt das Motiv heraus, während eine schwarze Linie dort fast verschwindet.

Wo Linien sich treffen

Skizze: Rückstichlinie, die an eine andere Linie anschließt, ein geschlossener Kreis und eine Spitze mit Einstich auf dem Eckpunkt
Gestrichelt ist jeweils der letzte Stich, der Ring zeigt, wo die Nadel hineingeht.
  • Anschluss an eine Linie: Eine Linie, die auf eine andere stößt, endet mit ihrem letzten Einstich direkt an deren Rand. Stichst du in die bestehende Linie hinein, spaltest du ihre Fäden, und sie wird an dieser Stelle dicker. Hörst du einen Millimeter davor auf, bleibt eine Lücke, die man sofort sieht.
  • Geschlossene Formen: Beim Rückstich geht der letzte Einstich genau ins Loch des allerersten Stichs. Beim Stielstich führst du den letzten Stich ebenfalls bis in das erste Loch, sodass er sich unter den Anfang der Linie schiebt. Beim Kettenstich hängst du das letzte Glied unter das erste, statt es mit einem Haltestich zu sichern.
  • Spitzen: Ein Einstich gehört genau auf die Spitze. Beim Rückstich machst du die letzten Stiche davor etwas kürzer, damit es aufgeht. Stiel- und Kettenstich beendest du an der Spitze und beginnst im selben Loch eine neue Linie in die neue Richtung.

Auch die Reihenfolge spielt mit.

Stick zuerst die Linien, die im Motiv hinten liegen, und zuletzt die vorderen, also erst den Stiel und dann das Blatt, das ihn überdeckt.

So liegt an jeder Überschneidung die vordere Kontur oben, wie es das Auge erwartet.

Lange, durchgehende Linien kommen außerdem vor den kurzen Details, die an sie anschließen.

Damit am Ende keine Vorzeichnung durchblitzt

Eine Kontur soll die vorgezeichnete Linie vollständig verdecken.

Bei kräftigen Umrissen im Kettenstich oder mit drei Fäden passiert das von selbst.

Eine feine Rückstichlinie aus einem einzigen Faden ist dagegen oft schmaler als der Strich auf dem Stoff, und daneben bleibt ein schmaler Rand sichtbar.

Zwei Dinge helfen.

Zeichne feine Konturen so dünn vor, wie dein Stift es hergibt, und stich immer genau auf der Mitte der Linie ein und aus, nicht mal links und mal rechts davon.

Und nimm für feine Arbeiten einen Stift, dessen Linie sich nach dem Sticken restlos entfernen lässt; wie das ohne Rückstände klappt, steht im Beitrag zum Vorzeichnen mit dem Wasserstift.

Bleistift und Kugelschreiber lassen sich aus den meisten Stoffen kaum zuverlässig entfernen.

Unter einem dicken Kettenstich verschwinden sie, unter einer haarfeinen Kontur nicht.

Teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert