Ab etwa einem Zentimeter Breite hört der Plattstich auf, eine gute Idee zu sein: Die langen Fäden liegen locker, verschieben sich und bleiben an allem hängen, was über sie streift.
Wenn du beim Sticken große Flächen füllen willst, brauchst du deshalb einen Stich, der die Fläche in viele kurze Stücke zerlegt.
Für eine glatte, schattierte Oberfläche ist das der Lang-und-Kurz-Stich, für Flächen mit sichtbarer Richtung sind es Reihen aus Spalt-, Stiel- oder Kettenstich, für große ruhige Farbfelder der Klosterstich, und wenn die Fläche körnig oder plastisch werden darf, Saatstich oder Knötchen.
Welcher davon zu deinem Motiv passt, klären zwei Fragen: Wie soll die Oberfläche am Ende aussehen, und wird das Stück getragen und gewaschen oder hängt es an der Wand?
Die zweite Frage streicht oft schon die Hälfte der Kandidaten, denn manche Füllungen arbeiten mit langen Spannfäden, die im Alltag nicht lange durchhalten.
Wo diese Stiche zwischen den übrigen Grundstichen stehen, zeigt dir die Übersicht über 22 Stickstiche und ihre Aufgaben.
Wenn es trotzdem nach Plattstich aussehen soll
Manchmal willst du genau diesen satten Glanz, nur auf einer größeren Form.
Dann teilst du die Fläche in Abschnitte, von denen keiner breiter als etwa einen Zentimeter ist, und stickst jeden für sich.
Die Trennlinien legst du vorher im Spaltstich an, so bekommt jeder Abschnitt eine eigene feste Kante.
Bei einem großen Blatt laufen die Abschnitte als Streifen schräg von der Mittelader nach außen, bei einem Kreis als Tortenstücke oder Ringe.
Wechselst du dabei von Abschnitt zu Abschnitt leicht die Stichrichtung, fängt jeder das Licht anders ein, und aus der Teilung wird ein Gestaltungsmittel statt einer Notlösung.
Wie die einzelnen Abschnitte ohne Lücken gelingen, steht in der Anleitung für den Plattstich ohne Lücken.
Glatt und schattiert: der Lang-und-Kurz-Stich
Der Lang-und-Kurz-Stich sieht aus wie Plattstich, nur besteht die Fläche aus mehreren Reihen, die sich ineinander verzahnen.
Weil die Stichenden nie auf einer Linie liegen, siehst du keine Übergänge zwischen den Reihen, und genau deshalb lassen sich Farben darin weich verlaufen.
Er ist das Grundwerkzeug der Nadelmalerei und die erste Wahl für Blütenblätter mit Verlauf, Vogelgefieder oder ein Gesicht, das nicht flach wirken soll.
- Stick die Kontur im Spaltstich und zeichne ein paar Richtungslinien in die Form, damit die Stiche später ihrem Verlauf folgen.
- Beginne an der Kante: Hol die Nadel innerhalb der Form nach oben und stich knapp außerhalb der Kontur ein. Lange Stiche von etwa 6 bis 10 mm wechseln sich mit kurzen ab, die ungefähr halb bis zwei Drittel so lang sind, dicht an dicht.
- In der zweiten Reihe sind alle Stiche ungefähr so lang wie die langen der ersten. Du kommst im freien Stoff nach oben und stichst in einen Stich der Vorreihe ein, etwa ein Drittel vor seinem Ende, sodass du seinen Faden spaltest. Unter einem kurzen Stich liegt dieser Einstich dadurch höher als unter einem langen, und die versetzten Enden bleiben erhalten.
- Alle weiteren Reihen arbeitest du genauso, immer in die Reihe davor hinein. Die Farbe wechselst du reihenweise, oder du mischst an der Grenze ein paar Stiche beider Töne. In der letzten Reihe kommst du knapp außerhalb der gegenüberliegenden Kontur nach oben, damit auch diese Kante sauber wird.
Für die feinsten Übergänge nimmst du einen einzelnen Faden Sticktwist.
Mit zwei Fäden kommst du schneller voran, die Verläufe werden aber etwas gröber.
Die Stichrichtung ändert sich mit der Form: In einem Blütenblatt laufen die Stiche von der Außenkante zur Blütenmitte, in einem Vogelkörper folgen sie der Richtung, in der die Federn liegen würden.
Wichtig ist nur, dass sich die Richtung allmählich dreht und nicht von einem Stich zum nächsten springt.
Den Verlauf prüfen, bevor du einfädelst: Leg die Garne für den Farbverlauf in der geplanten Reihenfolge nebeneinander und fotografier sie in Schwarz-Weiß.
Sehen zwei Töne gleich grau aus, kannst du einen davon weglassen.
Springt die Helligkeit zwischen zwei Nachbarn deutlich, fehlt dazwischen eine Stufe.
Reihen, die der Form folgen
Die einfachste Art, eine große Fläche zu füllen, kennst du schon: Du stickst eine Linie und direkt daneben die nächste, bis die Form voll ist.
Am schönsten wird das, wenn die erste Reihe an der Kontur entlangläuft und jede weitere der vorigen folgt, wie Höhenlinien auf einer Wanderkarte, bis du in der Mitte ankommst.
So zeichnen die Reihen die Form noch einmal nach und geben ihr Bewegung.
Laufen sie stattdessen schnurgerade quer durch die Fläche, entstehen Streifen, die bei grafischen Motiven gut aussehen und bei runden Formen eher steif.
Welcher Linienstich es wird, bestimmt die Oberfläche.
Reihen im Spaltstich mit zwei Fäden und Stichen von 3 bis 4 mm ergeben eine fast glatte Fläche, in der nur feine Rillen die Richtung verraten.
Reihen im Stielstich werden deutlicher gerippt, weil jede Linie leicht gedreht ist.
Arbeitest du alle Reihen in derselben Richtung und drehst dafür den Rahmen, bleibt die Drehung überall gleich; stickst du hin und her, wechselt sie von Reihe zu Reihe, und die Fläche bekommt ein Muster wie Fischgrät.
Wie sich die beiden Linien im Detail unterscheiden, steht im Beitrag über den Unterschied zwischen Spaltstich und Stielstich.
Kettenstich-Reihen sind die schnellste und kräftigste dieser Füllungen.
Die Glieder liegen wie Maschen nebeneinander, die Fläche bekommt etwas Gestricktes, und mit Perlgarn oder Wollgarn deckt jede Reihe gleich ein gutes Stück.
Eine Spirale aus Kettenstich, die außen beginnt und sich zur Mitte einrollt, füllt Kreise, Beeren und runde Blüten in kurzer Zeit.
Den Stich selbst erklärt die Kettenstich-Anleitung mit Zeichnungen.
Für ein schmales Blatt, das für den Plattstich zu groß geraten ist, gibt es außerdem den Fischgrätstich: Die Stiche kreuzen sich an der Mittellinie, und die Blattader entsteht von selbst.
Bei breiten, runden Blättern stößt er an seine Grenzen, weil die Stiche dort wieder zu lang werden.
Große ruhige Farbfelder mit dem Klosterstich
Für einen Himmel, das Kleid einer gestickten Figur oder ein abstraktes Farbfeld von mehreren Zentimetern ist der Klosterstich die ruhigste Lösung.
Er ist auch als Bayeux-Stich bekannt, weil der berühmte Teppich von Bayeux zum großen Teil damit gestickt ist.
Das Prinzip: Lange Fäden liegen dicht nebeneinander über der ganzen Fläche, und quer darübergelegte Fäden halten sie mit kleinen Stichen fest.
- Leg die ersten Spannfäden über die ganze Breite der Form, dicht an dicht. Am Rand stichst du ein und kommst direkt daneben am selben Rand wieder hoch, statt auf der Rückseite zurück zur anderen Seite zu laufen.
- Ist die Fläche bedeckt, spannst du im rechten Winkel darüber Querfäden im Abstand von etwa 5 bis 8 mm.
- Jeden Querfaden hältst du mit kleinen Haltestichen fest, etwa alle 4 bis 6 mm. Versetzt du die Haltestiche benachbarter Querfäden gegeneinander, entsteht ein Muster wie bei einer Ziegelmauer.
- Zum Schluss stickst du eine Kontur im Stielstich oder Spaltstich um die Fläche, die alle Fadenenden am Rand abdeckt.
Auf der Rückseite liegen beim Klosterstich nur winzige Stiche an den Rändern, fast das gesamte Garn bleibt vorne.
Deshalb ist er bei großen Flächen sparsam und schnell, und mit zwei bis drei Fäden Sticktwist oder einem feinen Wollgarn deckt er gut.
Gerade in modernen und abstrakten Motiven mit großen, klar getrennten Farbfeldern spielt er diese Ruhe aus.
Wählst du für die Querfäden eine zweite Farbe, wird das Gitter der Haltestiche selbst zum Muster.
Der leichtere Verwandte ist der Gitterstich: Hier liegen die Spannfäden mit Abstand, erst in einer Richtung, dann quer dazu, und jede Kreuzung wird mit einem kleinen Stich gehalten.
Der Stoff bleibt sichtbar, die Fläche wirkt luftig, und schneller lässt sich keine Form füllen.
Beide Füllungen leben von langen Fäden, die nur an wenigen Punkten gehalten werden.
Auf einem Wandbild oder einem Kissen, das eher dekoriert als gedrückt wird, ist das kein Problem.
Auf Kleidung, Taschen und allem, was regelmäßig in die Waschmaschine kommt, nimmst du lieber Reihen oder den Lang-und-Kurz-Stich, weil dort jeder Faden nur wenige Millimeter frei liegt.
Wenn die Fläche Struktur haben darf
Saatstich
Der Saatstich besteht aus kleinen geraden Stichen von etwa 2 bis 3 mm, die du in wechselnden Richtungen über die Fläche streust, oft paarweise nebeneinander.
Er deckt die Fläche nicht vollständig, sondern gibt ihr eine Tönung: Je dichter die Körner liegen, desto dunkler wirkt sie.
So deutest du Schatten an, ohne die Farbe zu wechseln, etwa an der Unterseite einer Wolke oder am Bauch eines Vogels.
Damit die Fläche nicht gemustert aussieht, setzt du die Körner bewusst unregelmäßig und vermeidest Reihen.
Weil kein Stich länger als ein paar Millimeter ist, hält der Saatstich auch auf Kleidung gut.
Knötchenstich als Fläche
Dicht gesetzte Knötchen ergeben eine raue, plastische Oberfläche, die an Moos, Schafwolle oder ein Blumenbeet erinnert.
Es ist die langsamste Art, eine Fläche zu füllen, und lohnt sich deshalb eher für kleinere Bereiche oder als Akzent neben einer glatten Füllung.
Mischst du zwei oder drei eng verwandte Farben, wirkt die Fläche lebendiger als in einem einzigen Ton.
Wie jeder einzelne Knoten fest sitzt, erklärt der Beitrag zum Knötchenstich, der nicht verrutscht.
Rutschen dir Knoten in einer dichten Fläche trotzdem immer wieder in den Stoff, sind Kolonialknoten die stabilere Wahl.
Gewebte Fläche
Für eine Oberfläche wie Korbgeflecht spannst du zuerst parallele Fäden mit etwas Abstand über die Form.
Dann webst du mit einer stumpfen Nadel quer dazu, abwechselnd über und unter den Spannfäden hindurch, ohne in den Stoff zu stechen.
Nur am Rand gehst du durch den Stoff und kommst für die nächste Bahn wieder hoch.
Beginnst du jede Bahn anders als die vorige, also einmal über und einmal unter dem ersten Spannfaden, entsteht das typische Schachbrett eines Gewebes.
Es ist dasselbe Über-unter-Prinzip wie beim gewebten Radstich für gestickte Rosen, nur in geraden Bahnen.
Wie beim Klosterstich liegen auch hier lange Fäden frei, die Fläche gehört also eher an die Wand als auf eine Jeans.
Was jede Füllung an Zeit und Alltag mitbringt
| Füllung | So sieht die Fläche aus | Tempo | Auf Kleidung |
|---|---|---|---|
| Lang-und-Kurz-Stich | glatt, glänzend, mit weichen Farbverläufen | langsam | ja, solange die Stiche kurz bleiben |
| Reihen im Spaltstich | fast glatt, feine Rillen in Stichrichtung | mittel | ja |
| Reihen im Stielstich | gerippt, leicht gedreht | mittel | ja |
| Reihen im Kettenstich | kräftig, wie gestrickt | schnell | ja |
| Klosterstich | flach und ruhig, mit feinem Gitter | schnell | eher nicht |
| Gitterstich | offen, Stoff bleibt sichtbar | sehr schnell | nein |
| Saatstich | gestreut, körnig, leicht | je nach Dichte | ja |
| Knötchen | rau und plastisch | sehr langsam | bedingt, sie drücken sich mit der Zeit flach |
| Gewebte Fläche | wie Korbgeflecht, leicht erhaben | langsam | eher nicht |
Beim Garn gibt es einen klaren Unterschied.
Lang-und-Kurz-Stich und Plattstich tragen auf der Rückseite fast so viel Garn wie vorne, weil jeder Stich unten wieder zurückläuft.
Klosterstich, Gitterstich und gewebte Flächen lassen dagegen fast alles auf der Vorderseite liegen.
Saatstich und Knötchen verbrauchen ebenfalls wenig, solange du zwischen weit auseinanderliegenden Stellen den Faden vernähst, statt ihn hinten quer über die Fläche zu führen.
Reihen aus Linienstichen liegen irgendwo dazwischen.
Was bei großen Flächen oft noch offen ist
Kommt die Kontur vor oder nach der Füllung?
Das hängt von der Füllung ab.
Beim Lang-und-Kurz-Stich und bei Plattstich-Abschnitten stickst du sie vorher im Spaltstich, damit die Stiche darüber eine leicht erhabene, saubere Kante bekommen.
Beim Klosterstich, bei Saatstich und Knötchen kommt sie danach obenauf, und bei Reihen, die der Form folgen, übernimmt oft schon die erste Reihe ihre Aufgabe.
Welche Linie dafür in Frage kommt, zeigt der Beitrag über Stiche, mit denen Konturen schön werden.
Wie viele Fäden nimmst du für große Flächen?
Für den Lang-und-Kurz-Stich einen, höchstens zwei Fäden Sticktwist, sonst werden die Verläufe grob.
Für Reihen im Spaltstich zwei Fäden, im Stiel- oder Kettenstich zwei bis drei.
Beim Klosterstich und beim Saatstich sind zwei bis drei Fäden üblich.
Grundsätzlich gilt: Mit mehr Fäden füllst du schneller, die Oberfläche wird aber gröber.
Warum wellt sich der Stoff rund um die gefüllte Fläche?
Eine dichte Füllung zieht den Stoff zusammen, besonders wenn er nicht straff genug sitzt oder die Stiche fest angezogen werden.
Spann den Stoff trommelfest, leg die Stiche nur auf, statt sie zu ziehen, und wähle einen Rahmen, in den die ganze Fläche passt, damit du nicht über fertige Stiche klemmen musst.
Wie du faltenfrei einspannst und während der Arbeit nachspannst, steht in der Anleitung zum Spannen im Stickrahmen.
Auf dünnem Stoff hilft zusätzlich ein Stickvlies auf der Rückseite.
Darfst du in einem Motiv mehrere Füllungen mischen?
Unbedingt, gerade Landschaften und Tiere leben davon.
Eine einfache Regel hilft dabei: Glatte Flächen treten zurück, strukturierte kommen nach vorne.
Ein Himmel im Klosterstich, Hügel in Stielstich-Reihen und ein Vordergrund aus Knötchen ergeben Tiefe, ohne dass du eine einzige Farbe mehr brauchst.










