Stiche für Fell: So wirken gestickte Tiere lebendig

Gestickter Rotfuchskopf in Nadelmalerei auf grauem Leinen, Fell aus feinen Einzelstichen im warmen Seitenlicht

Ob ein gesticktes Tier lebendig aussieht oder wie ein Stofftier aus Filz, entscheidet weniger der Stich als die Richtung, in die du ihn legst.

Fell besteht aus unzähligen Haaren, und jedes zeigt irgendwohin: von der Nase weg, über den Rücken zum Schwanz, an den Beinen hinunter zu den Pfoten.

Folgen deine Stiche diesem Verlauf, liest das Auge Fell, selbst wenn die ganze Fläche nur aus einer einzigen Garnfarbe besteht.

Unter den Stichen für Fell ist der Lang-und-Kurz-Stich die Grundlage für fast jedes Tier, allerdings in einer bewusst unordentlichen Form und mit nur einem Faden Sticktwist.

Glattes Kurzhaar wie bei einem Pferd gelingt mit dicht gesetzten Reihen im Spaltstich, langes, fließendes Fell mit versetzten Strähnen aus geraden Stichen, Locken mit Knötchen und flauschiges Fell mit aufgeschnittenen Schlingen im Smyrnastich.

Einzelne Haare, Schnurrhaare und Lichtkanten kommen zum Schluss obenauf.

Für jede Stelle deiner Vorlage brauchst du nur zwei Antworten: Wie lang ist das Fell hier, und wohin wächst es?

Damit lässt sich jede Partie zuordnen, vom Hundeohr bis zum Schafrücken, und die Ideen für gestickte Tiermotive verlieren ihren Schrecken.

Erst die Pfeile, dann die Nadel

Bevor du einen Stich setzt, zeichnest du in die Umrisse deines Tiers kurze Pfeile, die zeigen, wohin das Fell an jeder Stelle läuft.

Am Kopf strahlen die Haare meist von der Nase aus nach hinten und zur Seite, auf der Stirn laufen sie hinauf zu den Ohren, am Hals biegen sie nach unten.

Am Körper zeigen sie zum Schwanz, an den Beinen zu den Pfoten.

Wo zwei Richtungen aufeinandertreffen, etwa am Wangenrand einer Katze, entsteht ein kleiner Wirbel oder eine Kante, und genau dort lohnen sich die Pfeile besonders dicht.

Katzenkopf mit eingezeichneten Pfeilen, die die Wuchsrichtung des Fells von der Nase nach außen zeigen
Eine Richtungskarte für einen Katzenkopf: Das Fell strahlt von der Nase aus, an den Ohren läuft es zur Spitze.

Die beste Vorlage dafür ist ein Foto des Tiers.

Schau darauf nicht auf die Farben, sondern auf die Linien, die die Haarspitzen bilden.

Ein Pfeil alle ein bis zwei Zentimeter genügt, die Stiche dazwischen drehst du nach und nach von einem Pfeil zum nächsten.

Die Pfeile ersetzen auch die Kontur.

Ein gestickter Umriss ist bei Fell fast immer ein Fehler, denn echtes Fell endet nicht an einer Linie, sondern an einer fransigen Kante, über die einzelne Haare in den Hintergrund ragen.

Anders ist es bei stilisierten Tieren, bei denen die Linie zum Stil gehört; welche Stiche dort am besten aussehen, steht im Beitrag über Stiche für klare Konturen.

Welche Fellart welchen Stich braucht

FellartZum BeispielStichFäden und Stichlänge
kurz und glattPferd, Reh, KurzhaarkatzeSpaltstich in dichten Reihen oder kurzer Lang-und-Kurz-Stich1 Faden, 2–4 mm
mittellangFuchs, Hase, die meisten HundeLang-und-Kurz-Stich, unregelmäßig versetzt1 Faden, 4–8 mm
lang und fließendLanghaarkatze, Löwenmähne, PferdeschweifSträhnen aus versetzten geraden Stichen1–2 Fäden, 8–15 mm
lockigSchaf, Pudel, Alpakadicht gesetzte Knötchenstiche2–3 Fäden, 1–2 Wicklungen
flauschig und plastischKüken, Teddybär, HummelSmyrnastich mit aufgeschnittenen Schlingen2–3 Fäden oder Wollgarn, Schlingen 3–6 mm
struppig und borstigWildschwein, Rauhaardackel, Terrierkurze gerade Stiche in leicht kreuzenden Richtungen2 Fäden, 3–6 mm

Die meisten Tiere tragen mehrere dieser Fellarten auf einmal.

Ein Hund hat im Gesicht oft kurzes, glattes Fell, an Ohren, Brust und Rute aber deutlich längeres.

Du entscheidest deshalb nicht einmal für das ganze Tier, sondern für jede Partie neu.

Wo die einzelnen Stiche sonst noch ihre Stärken haben, zeigt dir der Überblick über die 22 wichtigsten Grundstiche.

Der Lang-und-Kurz-Stich in seiner Fellform

Für glatte, schattierte Flächen stickst du den Lang-und-Kurz-Stich so gleichmäßig wie möglich, mit einer sauberen Kante und Reihen, die unsichtbar ineinandergreifen.

Wie diese Grundform funktioniert, steht im Beitrag über Stiche zum Füllen großer Flächen.

Für Fell löst du genau diese Ordnung absichtlich auf.

Der Stich bleibt das wichtigste Werkzeug der Nadelmalerei, nur mit anderen Regeln.

  1. Beginne dort, wohin das Fell zeigt, also an der äußeren, fransigen Kante, und arbeite dich gegen die Wuchsrichtung zum Ursprung vor: am Kopf von außen zur Nase, am Körper vom Schwanz zum Hals. So liegt jede neue Reihe über dem Ansatz der vorigen, wie Haare in Wirklichkeit übereinanderfallen.
  2. Für die erste Reihe kommst du innerhalb der Form nach oben und stichst an der Kante ein, aber nie genau auf der Linie. Mal endet ein Stich einen Millimeter davor, mal zwei bis drei Millimeter darüber hinaus. Lange und kurze Stiche wechseln ohne festes Muster.
  3. Ab der zweiten Reihe kommst du im noch freien Stoff nach oben, also weiter in Richtung Ursprung, und stichst in einen Stich der Vorreihe ein, sodass du seinen Faden spaltest. Wechsle Länge und Einstichpunkt ständig, damit nirgends eine Reihengrenze sichtbar wird.
  4. Dreh die Stiche Pfeil für Pfeil mit der Wuchsrichtung. An der Innenseite einer Kurve setzt du kürzere Stiche und lässt hin und wieder einen aus, damit sich die Fäden dort nicht stauen.
Vergleich: Lang-und-Kurz-Stich als glatte Fläche mit sauberer Kante und als Fell mit fransiger Kante
Links die glatte Form mit sauberer Kante, rechts die Fellform, deren Stiche über die Vorzeichnung hinausragen.

Die Stichlänge folgt der Haarlänge: Bei mittellangem Fell liegen die Stiche meist zwischen vier und acht Millimetern, im Gesicht werden sie kürzer, an Brust und Flanke länger.

Mit einem einzigen Faden Sticktwist bleibt jeder Stich so dünn wie ein Haarbüschel.

Mit zwei oder drei Fäden wird er zum dicken Strang, und das Fell sieht gekämmt und flach aus statt weich.

Wie stark die Fadenzahl das Stichbild verändert, erklärt der Beitrag zur Frage, wie viele Fäden du zum Sticken nimmst.

Dazu passt eine spitze Sticknadel in Größe 9 oder 10; welche Nummer zu welchem Garn gehört, findest du im Ratgeber zu Sticknadeln und ihren Größen.

Kurzhaar im Spaltstich

Ganz kurzes, eng anliegendes Fell, wie es Pferde, Rehe oder Dobermänner tragen, wirkt in Reihen aus Spaltstich oft überzeugender als im Lang-und-Kurz-Stich.

Du stickst Linie neben Linie, jede folgt den Pfeilen, und setzt die Reihen so dicht, dass kein Stoff mehr durchscheint.

Die winzigen Stiche ergeben eine feine Struktur, die an glänzendes Kurzhaar erinnert, und die Richtung der Reihen zeichnet die Muskeln darunter nach.

Wo du den Stielstich nimmst und wo den Spaltstich, klärt der Beitrag über den Unterschied zwischen Spalt- und Stielstich; für Fell ist der Spaltstich meist die bessere Wahl, weil seine Linie glatter bleibt.

Strähnen, Locken und Flaum

Lange Strähnen

Eine Mähne oder das Fell einer Langhaarkatze stickst du nicht als Fläche, sondern als Bündel.

Ein Bündel besteht aus drei bis fünf geraden Stichen von acht bis fünfzehn Millimetern, die leicht auseinanderlaufen und am Ende spitz zusammenkommen.

Die Bündel legst du wie Dachziegel übereinander, jede Lage verdeckt den Ansatz der vorigen.

Die unterste Lage stickst du in einem dunkleren Ton, die oberste heller, so bekommt das Fell Tiefe, ohne dass du eine Fläche schattieren musst.

Locken

Schafe, Pudel und Alpakas bestehen fast nur aus Knötchen.

Setz sie dicht an dicht, mit zwei oder drei Fäden und ein bis zwei Wicklungen, und misch kleinere und größere Knoten, damit die Fläche nicht wie eine Noppenfolie aussieht.

Liegen ein paar Knoten in einem etwas dunkleren Ton dazwischen, wirken die Locken gleich plastischer.

Wie die Knoten fest sitzen bleiben, statt durch den Stoff zu rutschen, zeigt die Anleitung für den Knötchenstich, der nicht verrutscht.

Flaum und Plüsch

Für ein Küken, eine Hummel oder einen Teddy, den man am liebsten streicheln würde, gibt es den Smyrnastich.

Du stickst Reihen aus kleinen Haltestichen und lässt zwischen ihnen jeweils eine Schlinge stehen.

Gearbeitet wird von der untersten Reihe nach oben, damit die fertigen Schlingen nicht im Weg sind.

Zum Schluss schneidest du alle Schlingen auf und stutzt den Flor mit einer kleinen spitzen Schere in Form.

Je kürzer du schneidest, desto dichter und samtiger wird die Oberfläche.

Lange Strähnen und Smyrnastich gehören an die Wand, auf ein Kissen oder auf eine Tasche, die selten in die Wäsche kommt.

Auf einem Pulli oder Shirt verhaken sich lange Stiche beim Tragen, und aufgeschnittene Schlingen lösen sich in der Waschmaschine.

Für Kleidung nimmst du den Lang-und-Kurz-Stich mit kurzen Stichen oder Knötchen.

Wenige Töne, klug verteilt

Fell ist nie einfarbig.

Ein Rotfuchs trägt Rost, Ocker und Kastanienbraun, dazu Creme an Kehle und Brust und fast Schwarz an den Ohrrückseiten und Pfoten.

Trotzdem brauchst du keine zehn Garnfarben.

Drei bis fünf gut abgestufte Töne aus einer Farbfamilie reichen für ein überzeugendes Tier, und ein einziger Kontrastton für Augen und Nase.

Ich finde, ein Fell mit vier sauber gesetzten Tönen wirkt fast immer echter als eines mit zehn, die wahllos ineinanderlaufen.

Den dunkelsten Ton setzt du zuerst, dort, wo Schatten liegt: unter dem Kinn, am Bauch, im Inneren der Ohren, an der Seite, die vom Licht abgewandt ist.

Danach folgen die mittleren Töne und zuletzt die hellen auf den Stellen, die das Licht trifft.

An den Übergängen ziehst du einzelne Stiche des neuen Tons in den alten hinein, so verzahnen sich die Farben wie Haare, die ineinanderfallen.

Streifen und Flecken stickst du nicht als eigene Flächen obendrauf, sondern in der gleichen Richtung wie das Fell drumherum, als Teil derselben Reihen.

Die Streifen einer getigerten Katze laufen also quer zur Fellrichtung über den Körper, aber jeder einzelne Stich darin folgt den Pfeilen.

Nur so sieht es aus, als wüchsen die Streifen aus dem Fell heraus.

Was ein gesticktes Tier flach aussehen lässt

  • Alle Stiche zeigen in dieselbe Richtung. Das Tier wirkt wie mit dem Lineal gekämmt. Zeichne die Pfeile vorher ein und dreh die Stiche ständig mit.
  • Eine Kontur läuft ums ganze Tier. Die Linie macht aus Fell eine Fläche mit Rand. Lass die Kante offen und die Stiche darüber hinausragen.
  • Die Reihen enden auf einer Linie. Jede Reihengrenze wird zum sichtbaren Streifen. Wechsle Stichlänge und Einstichpunkt, bis kein Muster mehr erkennbar ist.
  • Die Partien entstehen in der falschen Reihenfolge. Was hinten liegt, stickst du zuerst: das hintere Ohr vor dem Kopf, das hintere Bein vor dem Körper. Dann darf das vordere Teil mit seinen Stichen über das hintere fallen.
  • Benachbarte Partien haben denselben Ton. Ohr und Kopf verschwimmen ineinander. Ein dunklerer Schatten am Ansatz trennt sie, ohne dass du eine Linie brauchst.

Augen, Nase und Schnurrhaare kommen zuletzt

Das Fell rund um die Augen stickst du zuerst und lässt die Augen selbst frei.

Danach füllst du sie im Plattstich mit einem Faden, so kannst du ihre Form noch nachträglich an das Fell anpassen.

Die Pupille kommt in Dunkelbraun oder Schwarz hinein, die Iris in ihrer Farbe drumherum.

Zuletzt setzt du einen winzigen geraden Stich oder ein Knötchen mit einem Faden in Weiß als Lichtpunkt, in beiden Augen an derselben Stelle, sonst schielt das Tier.

Dieser eine Stich entscheidet darüber, ob der Blick lebt.

Die Nase ist eine kleine glatte Fläche ohne Fell und damit ein Fall für den Plattstich ohne Lücken, mit ein bis zwei Fäden.

Die Schnurrhaare kommen ganz am Ende über das fertige Fell, mit einem einzigen Faden in Hellgrau oder gebrochenem Weiß, denn reines Weiß wirkt neben Fell schnell zu grell.

Kurze Schnurrhaare sind ein einzelner gerader Stich, geschwungene stickst du im Stielstich.

Ist ein Schnurrhaar länger als etwa zwei Zentimeter, hältst du es in der Mitte mit einem winzigen Stich fest, damit es nicht absteht.

Aus der Entfernung prüfen: Fotografier das Tier zwischendurch mit dem Handy aus etwa einem Meter Abstand.

Aus der Nähe siehst du nur einzelne Stiche, auf dem Foto siehst du, ob es nach Fell aussieht und wo die Richtung noch kippt.

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