Beide Stiche laufen vorwärts, und bei beiden beginnt der neue Stich auf halber Länge des vorigen.
Der ganze Unterschied liegt an einer einzigen Stelle: Beim Stielstich kommt die Nadel direkt neben dem Faden hoch, beim Spaltstich mitten durch ihn hindurch.
Aus diesem kleinen Unterschied werden zwei sehr verschiedene Linien.
Der Stielstich legt eine gedrehte Kordel auf den Stoff, die gesehen werden will: Stängel, Ranken, Schreibschrift.
Der Spaltstich ergibt eine flache, dichte Linie aus winzigen Gliedern, die oft im Hintergrund arbeitet, als Kante unter einer Plattstich-Fläche oder Reihe für Reihe in fein schattierten Flächen.
Soll die Linie selbst das Motiv sein, nimm den Stielstich.
Wird sie später überstickt oder soll sie eine Fläche füllen, ist der Spaltstich die bessere Wahl.
Neben dem Faden oder mitten hindurch
Beim Stielstich bleibt der Arbeitsfaden immer auf derselben Seite, und die Nadel kommt dicht daneben hoch.
Jeder Stich legt sich dadurch schräg an den vorigen, und die Stiche drehen sich umeinander wie die Fasern eines Seils.
Die Linie steht ein wenig vom Stoff ab und wirft feine Schatten.
Beim Spaltstich stichst du von hinten genau in die Mitte des vorigen Stichs, sodass sich seine Fäden links und rechts um die Nadel teilen.
Der neue Stich wächst aus dem alten heraus, statt sich daneben zu legen.
Die Linie bleibt schmal und flach, und von Nahem sieht sie aus wie ein Kettenstich in Miniatur.
Eine Folge davon wird gern übersehen: Beim Spaltstich gibt es keine Fadenseite.
Du kannst den Faden also nicht versehentlich auf die falsche Seite legen, und die Linie bekommt keinen Knick, wenn du den Rahmen drehst oder neu einfädelst.
Beim Stielstich ist genau das die häufigste Fehlerquelle, deshalb nimmt die Anleitung für den Stielstich mit fester Fadenseite sich dafür einen eigenen Abschnitt.
Auf der Rückseite sehen beide übrigens gleich aus: kurze Stiche, Ende an Ende, wie eine saubere Rückstichlinie.
Am fertigen Stück erkennst du den Unterschied also nur von vorn.
Wo sich die beiden Linien auseinanderentwickeln
In der Übersicht über 22 Stickstiche stehen die beiden direkt untereinander, beide als Linienstich für Einsteigerinnen.
Auf dem Stoff verhalten sie sich aber in fast jedem Punkt anders.
| Worauf du achtest | Stielstich | Spaltstich |
|---|---|---|
| Wo die Nadel hochkommt | neben dem Faden, immer auf derselben Seite | mitten durch den vorigen Stich |
| So wirkt die Linie | gedreht wie eine Kordel, leicht erhaben | flach und dicht, wie winzige Kettenglieder |
| Breite bei gleicher Fadenzahl | etwas breiter, über den Stichwinkel veränderbar | kaum breiter als der Faden selbst |
| Garn | jede Fadenzahl, auch Perlgarn | teilbares Garn, am besten 2 oder 4 Fäden Sticktwist |
| Nadel | spitze Sticknadel | spitze Sticknadel, eine stumpfe teilt den Faden nicht |
| Kurven | weich, wenn der Faden außen liegt | weich, ohne Fadenseite zu beachten |
| Unter Plattstich | möglich, die Drehung macht die Kante aber unruhig | die übliche Kontur, gibt eine klare, leicht erhabene Kante |
| Flächen füllen | Reihen mit sichtbarer Rippenstruktur | glatte Fläche, Farbwechsel von Reihe zu Reihe möglich |
Den Spaltstich sticken
Für den Stielstich gibt es die eigene Anleitung, hier geht es um den Spaltstich.
Du brauchst eine spitze Sticknadel und einen straff gespannten Stoff.
Zu zwei Fäden Sticktwist passt eine Nadel der Größe 7 bis 9, zu vier Fäden eher eine 5, mehr dazu in der Übersicht, welche Sticknadel zu welchem Garn gehört.
Nimm zwei oder vier Fäden.
Bei einer geraden Zahl hat der Stich eine klare Mitte, die Nadel teilt ihn in zwei gleiche Hälften.
Bei drei Fäden landet sie fast immer neben einem einzelnen Faden, und die Linie wird ungleichmäßig.
- Sichere den Fadenanfang mit einem Knoten auf der Vorderseite, ein paar Zentimeter voraus auf der Linie. Komm am Linienanfang bei 1 von hinten hoch und stich eine Stichlänge weiter bei 2 ein. Drei Millimeter sind ein guter Start, für feine Linien und Füllungen eher zwei.
- Zieh den Faden an, bis der Stich flach aufliegt, ohne dass sich der Stoff kräuselt. Streich ihn kurz mit dem Daumen glatt, damit die Einzelfäden nebeneinander liegen und nicht verdreht übereinander.
- Stich von hinten bei 3 hoch, genau in der Mitte zwischen 1 und 2 und mitten durch den Faden. Vorn siehst du, wie sich der Stich um die Nadelspitze öffnet, links und rechts gleich viele Fäden.
- Zieh den Faden ganz durch und stich bei 4 ein, eine Stichlänge von 3 entfernt. Damit liegt 4 eine halbe Stichlänge hinter 2.
- Komm bei 5 wieder hoch, mitten durch den Stich von 3 nach 4. Diese Stelle liegt genau über dem Loch von 2. Stich bei 6 ein, eine halbe Stichlänge hinter 4, und arbeite im selben Rhythmus weiter.
- Der letzte Stich endet genau am Ende der Linie. Schneid den Knoten vorn ab, zieh beide Fadenenden hinten unter ein paar Stichen durch und kürz sie.
Manche Anleitungen beschreiben den Spaltstich andersherum: Du kommst eine Stichlänge voraus hoch und stichst von vorn rückwärts in die Mitte des vorigen Stichs, ähnlich wie beim Rückstich.
Die Linie sieht fast gleich aus.
Von vorn siehst du genau, wo du einstichst, das hilft am Anfang.
Von hinten geht es flüssiger, sobald du die Mitte im Gefühl hast.
Bleib innerhalb einer Linie bei einer Richtung, damit alle Glieder gleich aussehen.
In Kurven werden die Stiche kürzer, in engen Bögen bis zu anderthalb Millimeter.
Auf eine Fadenseite musst du dabei nicht achten.
Spitze Ecken schaffen beide Stiche nicht in einem Zug: Beende die Linie genau im Eckpunkt und beginne im selben Loch neu, der erste Stich der neuen Kante bleibt dabei ungeteilt.
Woran ein Spaltstich scheitert
- Die Nadel trifft den Faden nicht mittig. Dann steht eine Hälfte seitlich ab, und die Linie wirkt ausgefranst. Mit einer geraden Fadenzahl und glatt gestrichenem Faden siehst du die Mitte deutlich besser.
- Der Faden ist verdreht. Die Einzelfäden liegen dann übereinander statt nebeneinander, und es gibt keinen Spalt, den du treffen kannst. Lass die Nadel zwischendurch frei hängen, bis sich der Faden zurückgedreht hat.
- Die Linie sieht aus wie ein Stielstich. Fast immer ist die Nadel zu stumpf und schiebt den Faden beiseite, statt ihn zu teilen. Eine spitze Sticknadel löst das sofort.
- Zwischen den Gliedern blitzt Stoff durch. Die Stiche sind zu lang oder zu fest angezogen, dann klafft der Spalt auf. Geh auf zwei bis drei Millimeter herunter und zieh nur an, bis der Stich aufliegt.
Welcher der beiden zu deinem Motiv passt
Stängel, Ranken und Grashalme
Hier gewinnt der Stielstich.
Seine Drehung lässt die Linie gewachsen aussehen, wie ein echter Stiel mit etwas Struktur.
Ein Spaltstich wirkt an derselben Stelle flach und eher gezeichnet.
Die Kante unter einer Plattstich-Fläche
Das ist die Paradeaufgabe des Spaltstichs.
Du stickst die Kontur der Form im Spaltstich, und die Plattstiche gehen anschließend über diese Linie hinweg.
Die Kante wird dadurch gerade und ein kleines bisschen erhaben, und die Stiche haben einen festen Rand, an dem sie sich ausrichten.
Wie du die Fläche danach ohne Lücken füllst, zeigt die Anleitung zum Plattstich mit sauberer Kante.
Schreibschrift und kleine Buchstaben
Geschwungene Schrift ab etwa anderthalb Zentimetern Höhe sieht im Stielstich am flüssigsten aus.
Bei sehr kleiner Schreibschrift ist der Spaltstich eine gute Alternative: Er bleibt schmal, folgt engen Bögen ohne Kanten, und du musst in den vielen Richtungswechseln nicht auf die Fadenseite achten.
Anregungen für ganze Schriftzüge findest du bei den Stickideen rund um Schrift und Buchstaben.
Gesichter, Federn und Farbverläufe
Dicht nebeneinander gesetzte Spaltstichreihen ergeben eine glatte Fläche, in der du von Reihe zu Reihe die Farbe wechseln kannst.
Im Mittelalter wurden in England so ganze Gesichter in Seide gestickt, die Wangen oft in Spiralen, damit sie rund wirken.
In der Nadelmalerei umrandet der Spaltstich bis heute die Formen, bevor der Lang-und-Kurz-Stich darüber den Verlauf aufbaut.
Stielstichreihen füllen zwar auch, behalten aber ihre Rippen, und das passt eher zu schmalen Blättern als zu weichen Übergängen.
Eine kräftige Linie aus dickem Garn
Mit Perlgarn oder sechs Fäden Sticktwist ist der Stielstich die einfachere Wahl, weil sich dicke, fest gedrehte Fäden nur ungleichmäßig teilen lassen.
Brauchst du noch mehr Breite, ist der Kettenstich mit seinen breiten Gliedern der nächste Schritt.
Was dein Garn bei der Wahl mitredet
Sticktwist ist für beide Stiche gemacht, weil du ihn in Einzelfäden aufteilst.
Für den Spaltstich gilt dabei: zwei oder vier Fäden, nie drei.
Selbst ein einzelner Faden lässt sich spalten, denn er besteht aus zwei hauchdünnen Lagen, das braucht aber eine sehr feine, spitze Nadel und Geduld.
Perlgarn bleibt besser beim Stielstich.
Es ist fest gedreht und soll als runder Strang auf dem Stoff liegen, beim Spalten verliert es genau diese Wirkung.
Feine, zweifach gezwirnte Stickwolle teilt sich dagegen gut, deshalb taucht der Spaltstich in der Wollstickerei so oft auf.
Wie sich die Garne sonst unterscheiden, steht im Vergleich von Baumwolle, Seide und Wolle.
Beim Stielstich hast du mehr Freiheit: Ein Faden ergibt eine Haarlinie, drei Fäden eine normale Kontur, sechs eine dicke Kordel.
Welche Zahl zu welchem Stoff passt, erklärt der Ratgeber, wie viele Fäden du zum Sticken nimmst.










