Stickvlies: Wann du es brauchst und welche Sorte passt

Holzstickrahmen mit hellgrauem Jersey, dahinter weißes Stickvlies, daneben Stickgarn und eine kleine Schere

Stickvlies taucht in fast jeder Einkaufsliste fürs Sticken auf, auch in der Übersicht über das Zubehör, das du am Anfang brauchst, dort allerdings mit dem Hinweis, es erst zu kaufen, wenn ein Projekt danach verlangt.

Wann das so weit ist, lässt sich kürzer sagen, als die Auswahl im Laden vermuten lässt: immer dann, wenn der Stoff die Stiche nicht allein tragen kann.

Das ist der Fall, wenn er sich dehnt, wenn er so dünn ist, dass die Stiche ihn zusammenziehen oder die Rückseite durchscheint, und wenn ein besticktes Teil getragen und gewaschen wird.

Fester Baumwoll- oder Leinenstoff, der straff im Rahmen sitzt, trägt Linien und kleine Flächen dagegen ganz ohne Hilfe.

Das Vlies selbst ist ein Hilfsstoff, meist ein Faservlies ohne Webstruktur, der hinter den Stoff kommt und die Zugkraft der Stiche auffängt.

Manche Sorten verschwinden nach dem Sticken wieder, andere bleiben für immer hinter dem Motiv.

Genau diese Frage, ob es gehen oder bleiben soll, entscheidet über die richtige Sorte, und die falsche Sorte ist oft schlechter als gar keine.

Woran du erkennst, dass dein Stoff Unterstützung braucht

Er gibt nach, wenn du daran ziehst

Zieh den Stoff einmal längs und einmal quer zwischen beiden Händen.

Webware gibt dabei kaum nach, schräg zum Fadenlauf etwas mehr, und das ist normal.

Jersey, Sweat, Strick und alles mit Elasthan dehnt sich dagegen sichtbar, und jeder Stich zieht die Maschen ein Stück zusammen.

Ohne Vlies entstehen Wellen rund ums Motiv, die auch das Bügeln nicht mehr glättet.

Bei diesen Stoffen ist Vlies keine Kür, sondern Pflicht.

Welche Stoffe ohne jede Vorbereitung funktionieren, steht im Ratgeber dazu, welcher Stoff sich zum Sticken eignet.

Er ist so dünn, dass Licht durchfällt

Batist, Voile, leichte Blusenstoffe und dünnes Leinen haben gleich zwei Schwächen.

Dichte Stiche ziehen das feine Gewebe zusammen, sodass es sich rund ums Motiv kräuselt.

Und jeder Faden, der auf der Rückseite von einem Motivteil zum nächsten läuft, scheint vorne als dunkler Schatten durch.

Eine leichte Lage dahinter in einem hellen Ton löst beides, weil sie den Zug verteilt und die Fäden der Rückseite verdeckt.

Die Fläche wird dicht

Ein paar Linien im Rückstich ziehen kaum am Stoff.

Große Flächen, Reihen dicht an dicht oder Felder voller Knötchen bringen dagegen viel Garn auf wenig Stoff.

Auf festem Leinen hält das ein gut gespannter Rahmen meist aus.

Auf mittelschwerer Baumwolle und allem, was dünner ist, lohnt sich eine Lage dahinter, sobald du größere Formen im Plattstich gleichmäßig füllen willst.

Das Stück wird getragen und gewaschen

Ein Stickbild hängt still an der Wand.

Ein Shirt wird gedehnt, geknautscht und gewaschen, und die Stickerei muss jedes Mal wieder in Form kommen.

Dafür braucht sie eine Lage, die dauerhaft bleibt.

Nebenbei deckt diese Lage die Fadenenden auf der Rückseite ab, die sonst auf der Haut kratzen.

Was nach dem Sticken mit dem Vlies passiert

Im Laden heißen die Sorten nach dem, was nach dem letzten Stich mit ihnen geschieht.

Das ist auch die sinnvollste Art, sie auseinanderzuhalten.

SorteSo wirst du es losWas im Stück bleibtWie sich die Stelle danach anfühlt
Abreißvlies (auch Reißvlies)wird vorsichtig abgerissenkleine Reste direkt unter den Stichenweich wie vorher, nur das Motiv selbst ist fester
Schneidevlies (auch Ausschneidevlies)wird rund ums Motiv zurückgeschnittenein Stück Vlies hinter dem ganzen Motivetwas fester, mit einem Rand, den du von innen fühlst
Wasserlösliches Vlieslöst sich im Wasserbad aufnichts, wenn du gründlich ausspülstwie vorher; Reste machen den Stoff steif
Bügeleinlage aus dem Nähbedarfgar nicht, sie ist aufgebügeltdie ganze aufgebügelte Flächefester, je nach Stärke der Einlage

Abreiß- und Schneidevlies gibt es auch mit einer Klebeschicht zum Aufbügeln oder selbstklebend.

Die Klebeschicht sagt nur, wie das Vlies an den Stoff kommt, nicht, wie es wieder geht.

Wasserlösliches Vlies bekommst du als durchsichtige Folie und als faseriges Vlies; die Folie dient vor allem als Deckschicht obendrauf, das Vlies als Träger darunter.

Für Handstickerei reicht fast immer eine leichte, weiche Qualität.

Die festen, papierartigen Sorten sind für die Stickmaschine gedacht, die Hunderte Stiche pro Minute durch den Stoff jagt, und machen eine Handstickerei unnötig steif.

Welches Vlies zu welchem Stück gehört

Shirts, Sweatshirts und alles aus Jersey

Hier gehört Schneidevlies hin, am besten eine weiche Sorte zum Aufbügeln.

Die Klebeschicht verbindet Vlies und Maschen, sodass sich beim Einspannen und Sticken nichts gegeneinander verschiebt.

Abreißvlies ist hier die falsche Wahl: Spätestens nach dem ersten Waschen ist nichts mehr da, was die Stiche hält, und das Motiv zieht die Maschen in Falten.

Auf hellen Shirts nimmst du weißes Vlies, auf dunklen ein dunkles, wenn du eins bekommst, damit sich der Rand nicht durch den Stoff abzeichnet.

Motive, die zu Shirts und Pullis passen, findest du unter Kleidung besticken.

Feine Blusenstoffe, Batist und dünnes Leinen

Eine leichte Bügeleinlage funktioniert gut, solange der Stoff an dieser Stelle etwas fester werden darf.

Bei einer Bluse, die fließen soll, gefällt mir eine andere Lösung besser: Eine Lage feiner Baumwollbatist im selben Farbton wird mit eingespannt und nach dem Sticken rund ums Motiv zurückgeschnitten, genau wie Schneidevlies.

Sie bleibt weich, schimmert nicht durch und wäscht sich wie der Oberstoff.

Frottee, Samt, Fleece und Strick

Bei Stoffen mit Flor, Schlingen oder dicken Maschen liegt das Problem oben, nicht hinten: Die Stiche versinken zwischen den Fasern und sind kaum noch zu sehen.

Eine Lage wasserlösliche Folie auf der Vorderseite hält sie an der Oberfläche.

Darunter kommt bei Strick und Fleece zusätzlich Schneidevlies, weil beide nachgeben; bei einem festen Handtuch reicht oft die Folie allein.

Wasserlösliches Klebevlies hat hier einen Doppelnutzen, denn du kannst das Motiv daraufdrucken und es gleichzeitig als Deckschicht verwenden, wie bei den verschiedenen Arten, ein Motiv auf den Stoff zu bringen, beschrieben.

Jeans, Canvas und feste Taschen

Fester Stoff trägt Handstiche meist allein.

Nur unter großen, dichten Flächen lohnt sich ein Stück Abreißvlies, damit der Stoff im Rahmen nicht wandert und die Fläche glatt liegt.

Bei Taschen, die innen nicht gefüttert sind, sieht man die Rückseite; dort darf das Vlies ruhig drinbleiben und die Fäden verdecken.

Bei allem, was direkt auf der Haut liegt, kannst du nach dem Sticken noch ein weiches Abdeckvlies auf die Rückseite bügeln.

Es legt sich über Knoten und Fadenenden, und genau die sind es, die an einem bestickten Shirt kratzen.

Stickbilder für die Wand

Auf Leinen und mittelschwerer Baumwolle brauchst du meist gar nichts.

Ist der Stoff dünn, würde ich eine zweite Lage Baumwollstoff dem Vlies vorziehen: Es gibt keinen Klebstoff, der mit den Jahren vergilben kann, und keinen steifen Rand, der sich im Rahmen abzeichnet.

Beide Lagen werden einfach zusammen eingespannt und wie ein Stoff bestickt.

Aufnäher

Ein Aufnäher muss fest sein, sonst wellt er sich auf der Jacke.

Stick ihn auf festen Baumwoll-Canvas oder Twill mit einer kräftigen Bügeleinlage dahinter, schneid ihn danach mit etwas Rand aus und fass die Kante mit dichtem Festonstich ein.

Filz kommt ganz ohne Vlies aus, weil er weder franst noch nachgibt.

Ideen für kleine Abzeichen stehen bei Patches und Aufnähern.

Vlies und Stoff zusammenbringen

  1. Schneid das Vlies so zu, dass es rundum ein paar Zentimeter über den Rahmen hinausragt. Beide Ringe sollen es festhalten, sonst rutscht es beim Sticken weg.
  2. Zeichne das Motiv vor, solange der Stoff noch allein ist. Mit Vlies dahinter siehst du gegen das Licht kaum noch etwas.
  3. Bügelvlies ist die Ausnahme: Das bügelst du zuerst auf und zeichnest erst danach, weil Hitze die Linien eines Wasserstifts dauerhaft im Stoff fixieren kann. Durchpausen klappt dann nur noch bei sehr leichtem Vlies; sonst nimmst du Kopierpapier oder ein bedrucktes Klebevlies von oben.
  4. Zum Aufbügeln liegt die Klebeseite auf der linken Stoffseite, ein Tuch oder Backpapier kommt darüber. Drück das Bügeleisen an jeder Stelle einige Sekunden an, statt es zu schieben, und lass alles auskühlen, bevor du es bewegst. Die Temperatur richtet sich nach dem empfindlicheren der beiden Materialien.
  5. Bei großen Teilen wie einem Shirt, die nicht flach im Rahmen liegen, hältst du nicht klebendes Vlies vorher mit ein paar großen Heftstichen am Stoff fest.
  6. Spann Stoff und Vlies zusammen ein, das Vlies hinten. Jersey ziehst du dabei nicht nach außen straff: Straff sein soll das Vlies, die Maschen bleiben in ihrer normalen Form. Wie du Falten und einen schiefen Fadenlauf vermeidest, zeigt die Anleitung zum faltenfreien Einspannen im Stickrahmen.

Wenn der letzte Stich gesetzt ist

Abreißvlies entfernst du in kleinen Stücken.

Leg dabei den Daumen auf die Stiche und reiß zur Stickerei hin, nie in einem Zug über das ganze Motiv, sonst ziehst du Stiche mit und lockerst sie.

Reste zwischen engen Stichen holst du mit einer Pinzette heraus oder lässt sie einfach drin, unter dichten Flächen sieht sie niemand.

Schneidevlies schneidest du mit etwa einem halben Zentimeter Abstand rund ums Motiv zurück und rundest die Ecken ab, denn spitze Ecken drücken sich nach dem Waschen durch den Stoff.

Bieg den Oberstoff dabei von der Schere weg.

Ein Schnitt ins Shirt lässt sich nicht mehr reparieren.

Bei wasserlöslichem Vlies reißt du zuerst ab, was sich grob lösen lässt, und weichst das Stück dann in lauwarmem Wasser ein, bis der Rest verschwunden ist.

Wechsle das Wasser mindestens einmal und spül gründlich, denn gelöste Reste trocknen sonst steif und leicht klebrig ein.

Bevor ein Stück mit kräftig rotem oder dunklem Garn ins Wasser geht, prüf an einem Fadenrest, ob die Farbe ausläuft.

Danach trocknet es flach auf einem Handtuch.

Offene Fragen zum Vlies

Kann ich Bügeleinlage aus der Nähabteilung statt Stickvlies nehmen?

Ja, bei Webstoffen und Shirts funktioniert eine leichte, weiche Bügeleinlage gut.

Sie bleibt dauerhaft im Stück, wie Schneidevlies.

Greif aber nicht zu einer festen Einlage für Kragen oder Taschenklappen, die macht die bestickte Stelle bretthart.

Brauche ich beim Kreuzstich auf Aida ein Vlies?

Nein.

Aida ist durch seine Appretur steif genug und hält das Raster von selbst in Form.

Ein Vlies dahinter bringt keinen Vorteil, und die stumpfe Tapisserienadel kommt durch die zweite Lage schlechter hindurch.

Was nehme ich, wenn gerade kein Vlies im Haus ist?

Für einen Webstoff geht Seidenpapier als Ersatz für Abreißvlies: mit einspannen, durchsticken und danach vorsichtig herauszupfen.

Freezer Paper kannst du mit der beschichteten Seite auf die linke Stoffseite bügeln, es hält dünnen Stoff beim Sticken glatt und lässt sich danach abziehen.

Für dehnbare Stoffe gibt es keinen guten Ersatz, dort brauchst du echtes Schneidevlies.

Warum wellt sich mein Stoff, obwohl Vlies dahinter ist?

Meist wurde der Stoff beim Einspannen gedehnt und zieht sich nach dem Ausspannen wieder zusammen, das passiert vor allem bei Jersey.

Andere Ursachen sind Abreißvlies auf dehnbarem Stoff, eine zu leichte Lage unter einer sehr dichten Fläche oder zu straff angezogene Stiche.

Unter einer dichten Fläche auf Strick helfen zwei leichte Lagen oft mehr als eine schwere.

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